hackre

[ˈhɛkɐ]

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Intelligente Internetnutzer: Der Versuch einer Charakterisierung

(Verfasst im generischen Maskulinum aus offensichtlichen Gründen)

Intelligente Internetnutzer sind klüger als du und ich und das wissen sie auch. Sie leben mit offenen Augen, konsumieren stets mit Bedacht und lassen sich nicht so einfach einen Bären aufbinden. Das erzählen sie allen.

Intelligente Internetnutzer glauben nicht das, was andere ihnen erzählen. Sie glauben das, was sie sich von anderen erzählen lassen. Sie sind offen für alles, solange es anders ist. Innerhalb ihrer eingeschworenen Gemeinde sind sie alle anders als die anderen.

Intelligente Internetnutzer haben alle einmal die rote Pille geschluckt. Sie haben sich aufwecken lassen – sei es durch ein mittlerweile gelöschtes Subreddit, ein halbstündiges Dailymotion-Video oder den Besuch des Chaos Communication Congress vor dreizehn Jahren.

Intelligente Internetnutzer wollen selbst gehört werden und haben ein Gehör für andere. Für alle anderen. Wer nicht offen für Neues ist, der kann ja gar nicht intelligent sein. Es klingt sehr intelligent, offen für Neues zu sein. Wer offen für Neues ist, der ist intelligent.

Intelligente Internetnutzer sind weder links noch rechts, sondern befinden sich in der goldenen Mitte. Sie verteufeln Extremismus jedweder Art und vertreten selbst keine extremen Meinungen. Wer zwischen zwei Positionen steht, der braucht sich nicht zu entscheiden.

Intelligente Internetnutzer können nämlich Positionen vertreten, ohne sich zu entscheiden. Das müssen sie auch gar nicht, schließlich machen gerade ihre eigenen konträren Meinungen den Reiz aus. Sie lassen sich alles offen. Alles andere wäre ideologisch.

Und wenn intelligente Internetnutzer eines nicht sind, dann ideologisch. Ideologie ist etwas für weniger intelligente Internetnutzer, wie beispielsweise Linke und Rechte und Menschen aus ähnlichen Ecken wie diesen beiden. Ecken eben.

Intelligente Internetnutzer lassen sich nicht in eine Ecke schieben. Ecken sind ja quasi Ideologie. Wer in einer Ecke steht, der kommt da auch so schnell nicht wieder heraus.

Intelligente Internetnutzer werden häufig in Ecken geschoben, von anderen. Meist sind es weniger intelligente Internetnutzer. Alle beschimpfen sich in ihren Ecken und keiner ist offen für Neues, wie zum Beispiel alternative Medien.

Intelligente Internetnutzer bekommen von alternativen Medien beigebracht, quer um die Ecke zu denken. Die Mainstream-Medien diktieren Meinungen, die alternativen Medien geben Meinungsvorschläge. Das sagen diese sogar selbst. Bitte nichts glauben müssen, nur glauben wollen.

Intelligente Internetnutzer tauschen sich in mindestens einer Handvoll Telegram-Gruppen aus. Dort sind sie sicher, denn Telegram ist von den Russen und denen kann man eher trauen als den Amis. Ihre Vorbilder sind dort auch anzutreffen.

Ja, intelligente Internetnutzer haben nämlich Vorbilder. Zu ihnen zählen Ken Jebsen, Ali Utlu, Birgit Kelle, David Berger, Felix von Leitner, Sahra Wagenknecht, Markus Kompa, Tilo Jung, Xavier Naidoo und natürlich Elon Musk.

Intelligente Internetnutzer lesen das, wofür sie sich aus freien Stücken entschieden haben: Fefes Blog, Ruhrbarone, Telepolis, NachDenkSeiten, KenFM, RT und irgendwann Tichys Einblick. Natürlich auch mal die taz. Sie sind ja schließlich offen für Neues.

Intelligente Internetnutzer sind zwar offen für Neues, doch bewahren sie sich aufgrund ihrer soliden Grundkenntnisse in der wissenschaftlichen Methodik eine gewisse Skepsis. Sie kennen Verschwörungstheorien und ziehen diese gerne ins Lächerliche.

Intelligente Internetnutzer halten das soziale Geschlecht für eine Verschwörungstheorie, denn sie kennen Wissenschaftler mit der gleichen Meinung. Sie wüssten nicht, wie sie ohne Wissenschaftler der gleichen Meinung Diskussionen führen sollten.

Intelligente Internetnutzer wählen keine der Etablierten, sondern eine Kleinpartei. Diese sollte möglichst basisdemokratisch, für Bürger aber gegen Flüchtlinge und für Steuern aber gegen den Euro sein. Eben anders als die Anderen.

Intelligente Internetnutzer gibt es in allen politischen Spektren, doch sie stimmen sich in einem Punkt überein: Die SPD ist unwählbar. Stattdessen wählen sie lieber die Piraten, DiEM25, Volt Europa oder Widerstand2020. Sozis ist für sie ein Schimpfwort, Nazis manchmal auch.

Intelligente Internetnutzer schreiben „links“ und „rechts“ in Anführungszeichen, um die Hinfälligkeit des klassischen politischen Spektrums aufzuzeigen. Sie vertreten manchmal linke Standpunkte und manchmal rechte Standpunkte. Sie finden: best of both worlds.

Intelligente Internetnutzer kennen sich prima mit dem Internet aus. Sie sitzen vor ihrem Linux-Computer und publizieren für weniger intelligente Internetnutzer, damit diese lernen können, intelligenter zu werden. Wer sich weigert, wird – auf meist freiwilliger Basis – belehrt.

Intelligente Internetnutzer verfolgen die aktuelle Nachrichtenlage. Sie haben 39 geöffnete Tabs, 27 davon im Tor-Browser. Sie haben die Corona-Live-Statistiken immer im Blick und sind nach wochenlanger Recherche von Sekundärquellen gegen ein Versammlungsverbot.

Intelligente Internetnutzer haben in ihren restlichen Browser-Tabs häufig Webseiten aus dem Themenkomplex Kryptowährungen geöffnet, durch die sie sich einen Überblick über den Altcoin-Markt verschaffen. Gleichgesinnte haben ihnen das wiederholt nahegelegt.

Intelligente Internetnutzer verfügen entweder über Sichterrechte in der deutschsprachigen Wikipedia und führen Relevanzdiskussionen oder sie verfügen über keine Sichterrechte in der deutschsprachigen Wikipedia und führen Relevanzdiskussionen von der anderen Seite.

Intelligente Internetnutzer möchten sich relevant fühlen. Sie haben den Durchblick, andere nicht. Das macht sie relevant. Intelligente Internetnutzer möchten sich gar nicht ausmalen, wie es wäre, irrelevant zu sein.

Intelligente Internetnutzer haben starke Meinungen und sie lieben Menschen mit starken Meinungen, denn diese können andere von ihren starken Meinungen überzeugen.

Ihr Traum ist es, andere von ihren starken Meinungen zu überzeugen.